2025 war mit Abstand das intensivste Jahr unserer bisherigen Reise. Vielleicht weil wir weiter gesegelt sind als jemals zuvor, weil wir weniger ausgetretene Pfade betreten haben, oder weil es so viele Rückschläge gab. Vom Auf und Ab eines Jahres auf einer Weltumsegelung, darum geht es in diesem Rückblick. Von den höchsten wie den tiefsten Momenten, so wie sie mir in Erinnerung geblieben sind. Vom Zweifeln und vom Weitermachen.
Es ist der erste Januar 2026. Ich hocke auf dem Boot, ankernd vor einer Insel mitten im Pazifik und meine Gedanken schweifen zurück zum vergangenen Jahr. Es ist so viel in diesen zwölf Monaten passiert und es gab so viele eindrückliche Momente, dass es kein Wunder ist, dass ich mich erschöpft fühle. Und gleichzeitig ausgefüllt.
Das Jahr begann schon aufregend damit, dass wir im Januar nach neun Monaten Pause erstmals wieder das Boot segelfertig gemacht haben, mit allen nervigen Aufgaben: Segel anschlagen, das Riff vom Unterwasserschiff kratzen, Motor und Kühlschrank wiederbeleben. Dann folgte ein Abschied, wie ich ihn mir vor dieser Reise nicht hätte vorstellen können: Wir haben in den vielen Monaten auf Grenada unverhofft eine kleine neue Heimat gefunden, Freunde, einen Ort, den man zu Hause nennen könnte. Aber wir wollen weiter, Richtung Westen. Unser Ziel für dieses Jahr ist, den Atlantik zu verlassen und in einen neuen Ozean aufzubrechen. Also gehören Abschiede dazu. Der Aufbruch in Grenada ist in Erinnerung geblieben: Wir werden von zwei Booten durchs Riff nach draußen auf See begleitet, Goodbye-Rufe – dann setzen wir Segel und sind weg, wieder unterwegs. Auf Reisen. Ob wir jemals wieder kommen, wissen wir nicht.
Einen Monat später wird uns einmal mehr klar, dass der geduldige Segler immer guten Wind hat und dass guter Wind an manchen Stellen dieser Meere auch besser kein Wind ist. Wir queren eines der herausforderndsten Seegebiete unserer Route, das Kap von Kolumbien, wo das höchste Küstengebirge der Welt, mit seinen knapp sechstausend Metern für standardmäßig stürmischen Wind sorgt, und müssen Motoren. Kein Wind, keine Wellen. Alles gut so. Die intensive Vorbereitung zahlt sich aus. Wir mögen es, unnötiges Risiko zu vermeiden. Ohne Probleme erreichen wir das Südamerikanische Festland.
Wir lernen eine neue Lektion: wie schön man einen Ort findet, hängt meist nicht vom Ort selbst ab, sondern von dem, was man dort erlebt. Kolumbien wird für uns immer in Verbindung mit Dreck, Müll, Schweiß und Krankheit stehen.
Zuerst holen wir planmäßig das Boot aus dem Wasser und arbeiten auf dem Shipyard eine lange Reparatur-Liste ab und kommen das erste Mal auf unserer Reise in die Gegenden, in denen man sich wegen Armut und Kriminalität nicht frei bewegen kann. Wo wir auf der Straße von der Polizei kontrolliert und von Anwohnern gewarnt werden. Hier werden wir nicht die direkte Nachbarschaft aus Neugier erkunden, weil es zu gefährlich ist. Dreck bestimmt das Straßenbild. Vorsicht bestimmt unser Handeln. Kein Verlassen des Marina-Geländes ohne Grund oder im Dunkeln.
Der nächste Rückschlag betrifft meine Gesundheit. Denn ich bin krank und man weiß nicht, was es ist. Und das ausgerechnet hier. Wir lernen weitere Lektionen: wie groß der Unterschied zwischen Arm und Reich ist. Denn hier bin ich als Krankenversicherter Tourist plötzlich in der Upper Class. Gott sei Dank, denn bei einem Krankenhausaufenthalt in einem städtischen Krankenhaus hätte ich den Heimflug bevorzugt. Dank unseres verhältnismäßigen Reichtums und den über die Maße engagierten Ärzten in Kolumbien erhalte ich eine umfassende, erträgliche aber regelrechte Untersuchungsflut inklusive meiner ersten Operation mit Vollnarkose für eine Biopsie an der Tränendrüse.
Kurz gesagt, unser Alltag besteht aus Uber-Fahrten zu Krankenhäusern und der regelmäßigen Einnahme ständiger wechselnder Medikamente.
Alles nicht schön. Das einzig Gute in dieser Zeit: die Doktor-Ralley bringt meinen Basis-Spanisch-Wortschatz auf ein neues Niveau.
Wir verlassen Kolumbien in stabilem Gesundheitszustand, aber ohne endgültige Diagnose.

Das Warten auf die Diagnoseergebnisse überschattet die darauffolgenden Wochen ein bisschen, die uns zu einer der beeindruckendsten Gegenden bisher führen. Denn wir haben Panama erreicht, besser gesagt Kuna Yala, eines der letzten Gebiete dieser Erde, wo indigene Völker noch abgeschieden von der Welt nach ihren eigenen Gesetzen und Traditionen leben. Wir erleben überwältigend schöne einsame Ankerplätze, umgeben von Regenwald und machen unsere erste Erfahrungen im Warentausch. Bezahlen mit Reis statt Geld. Diese Ecke der Erde, im Südosten von Kolumbien, ist der erste Pfad auf unserer Reise, den ich wirklich als unausgetreten bezeichnen würde. Es gibt sie noch, diese Orte. Orte, die man nicht mit dem Auto erreichen kann. Auch wenn es Handys in den Alltag geschafft haben, sind Strom und Internet noch keine Selbstverständlichkeit.
Weiter nördlich lernen wir auf den San Blas Inseln das Navigieren zwischen Riffen rein nach Augenmaß, denn unser Tiefenmesser ist kaputt. Eine nützliche Lektion.
Als der Sommer und die Regenzeit in Mittelamerika anbrechen, lernen wir eine neue Dimension von Luftfeuchtigkeit kennen. Der tägliche Kampf gegen den Schimmel, der Versuch, das in der Wärme geplatzte SUP im Dauerregen zu flicken, steht im Kontrast zu den entspannten, freundlichen Menschen und der unfassbar schönen Natur. Wir ankern erstmals in einem Fluss mitten im Dschungel. Ein Jahreshöhepunkt.

Als meine Gesundheits- Diagnose nach zwei Monaten endlich sagt, dass ich mit Medikamenten dauerhaft weitermachen kann, beginnen wir überhaupt erst, neue Pläne zu schmieden. Und entscheiden, die nächsten großen Schritte tatsächlich endlich in Angriff zu nehmen: Den Panamakanal und die Pazifiküberquerung. Zwei Meilensteine, die uns schon Monate, ja Jahre vorschweben.
Um Mut dafür zu sammeln, geht’s nochmal spontan per Flugzeug in die Heimat, Familie, Freunde und deutsche Kultur inhalieren. Auch ein Highlight des Jahres und etwas, was wir uns vor Anbruch der Reise nicht vorgenommen hatten. Aber Heimweh schwingt in einem Leben fernab immer mit. Und dieser Besuch findet in dem Wissen statt, dass es der letzte für lange Zeit sein wird, denn der Pazifik ist groß, weit weg und zu teuer für spontane Heimatbesuche.
Die Durchfahrt durch den Panamakanal übertrifft nochmal alles, was wir an aufregenden Situationen in den letzten vier Jahren erlebt haben. Und eine riesige Spannung fällt von uns ab, als sich das letzte Schleusentor zum neuen Ozean öffnet.
Die nächste Unruhe folgt ein paar Wochen später, denn nach wenigen Tagen brechen wir die Pazifiküberquerung ab und entscheiden, erst nach einem Reparaturstopp einen zweiten Versuch zu starten. Diese zweite Ozeanüberquerung beginnt furchtbar abenteuerlich, entwickelt sich zu einer Geduldsprobe, endet aber erfolgreich und glücklich in der Südsee.

In dieser zweiten Hälfte des Jahres zweifeln wir regelmäßig an unserem Vorhaben, haben immer wieder Gedanken daran, aufzuhören, motivieren uns aber doch immer wieder weiter zu machen. Aufgeben ist eine Option. Aufhören, wenn’s kein Spaß mehr macht, durchaus ein möglicher Weg. Auch diese Erkenntnis ist wichtig und gut. Niemand zwingt uns, dieses Leben zu führen. Irgendwann zwingt uns auch der Geldbeutel einen anderen Weg einzuschlagen, aber wir haben in den letzten vier Jahren gelernt, dass es gut funktioniert, das Leben passieren zu lassen und das Beste aus dem zu machen, was es einem bereithält. Ich versuche mir nicht mehr so viel den Kopf über die Zukunft zu zerbrechen, sondern zu nehmen was ist und im Moment zu Leben. Das letzte Jahr hat dies deutlich gezeigt. Wir hatten mal die Idee im März den Pazifik zu durchqueren und dann gleich weiter die Südsee zu entdecken. Jetzt bin ich froh, dass wir, aufgrund unserer verspäteten Überfahrt, uns die Zeit geschenkt haben, eine Zyklonsaison lang auf den Marquesas zu verweilen. Anzukommen, zu verschnaufen und, länger zu bleiben wo wir uns willkommen fühlen.
Ein neues Jahr in einem neuen Ozean liegt vor uns. Und egal was passiert: wir werden das Beste daraus machen und weiterhin im Hier und Jetzt leben. Entschleunigt, aber neugierig.

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