Pazifiküberquerung erster Teil – Panama bis hinter Galapagos
September Oktober 2025
„…wir fahren Achterbahn am Achterdeck…und keine Sau ist angeschnallt… Achterbahn am Achterdeck….“ die lustigen Piratensongs von “Mr Hurley und die Pulveraffen” laufen in den ersten Tagen auf See ziemlich oft in Dauerschleife.
Achterbahn ist nicht nur in der Schiffsbewegung, sondern auch meine Gefühlslage fährt Achterbahn in diesen ersten Tagen auf See. Dem sonnigen Hochgefühl endlich unterwegs zu sein, folgt die ernüchternde Verbitterung nach dem nächsten Desaster.
Die ersten Tage stellen uns echt auf die Probe: jeden Tag geht etwas kaputt. Erst sorgt ein geplatzter Süßwasserschlauch für Wasser im Boot, dann reparieren wir tagelang an der einstmals funktionierenden neuen Bilge-Pumpe.
Gleich darauf folgt direkt das nächste Fiasko: Das Großsegel bricht. Genau genommen, die Kopfplatte, an der das Segel befestigt ist.
Und als am selben Tag auch noch die Navigationslichter ausfallen bin ich wirklich genervt. Diese Überfahrt steht irgendwie unter keinem guten Stern. Nachdem wir sie letzte Woche schon einmal abgebrochen hatten und beim zweiten Start auch der Motor nicht sofort anspringen wollte.
Aber für alles findet sich eine Lösung und am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder rosiger aus.
Nachdem Heiko die Bilge-Pumpe mehrmals auseinander genommen hat, läuft sie irgendwann, irgendwie. Aber wir haben das Vertrauen verloren und kontrollieren nun noch regelmäßiger.
Auch das Großsegel könnten wir reparieren… nur müssten wir dafür in den Mast. Denn ganz oben baumelt das Fall, klimpert manchmal im Wind, als ob es uns verspottet *komm doch, hol mich*.
Aber bei dem Geschaukel geh ich da definitiv nicht hoch!
Das Risiko auf offener See bei zwei Meter Wellengang ist zu hoch… und mein Wagemut zu niedrig. Doch ein Blick auf unsere Fahrt verrät: die Auswirkungen sind auszuhalten. Einen halben Knoten sind wir langsamer, den Kurs können wir auch mit der Genua und dem Besan halten. Das ist auch der Grund, weswegen wir in das Großsegel vorher nichts investiert haben: wir nutzen es schon die gesamte Reise eher selten, weil es nicht viel bringt und das einzige ist, was man nicht aus dem Cockpit setzen kann. Außerdem soll der Großteil der Reise ja achterlicher Wind sein (was sich als Irrglaube herausstellt), da brauchen wir es eh nicht. Wir packen das Segel also kurzentschlossen weg und fahren ohne weiter. Das Fall hängt da oben nun halt, bis wir es an einem ruhigen Ankerplatz mal runter holen… in ein paar Wochen.

Als Ersatz für die Navigationslichter basteln wir einfach das Solarlicht unseres Dingies nach vorn und sparen so auch noch Strom über Nacht.
Von dem Verfall unseres Bootes lassen wir uns also nicht so leicht unterkriegen!
Derweil lässt der Frust über das vorankommen allerdings nicht nach. Wir stampfen hart gegen Wind und Welle und kommen einfach nicht in die richtige Richtung voran.
Tagelang fahren wir auf die Küste von Kolumbien und Equador zu, zu weit östlich. Nach einer Wende fahren wir wieder nach Norden, da wo wir herkommen. Es ist zum verzweifeln. Die Stimmung wie die Zielrichtung Alaska, frostig. Ich höre Sätze wie „Oder wir lassen es einfach. Wieder umdrehen und das restliche Geld in Grenada versaufen?“ Nein, so einfach lassen wir uns nicht unterkriegen.

Das Boot kommt einfach nicht hoch genug an den Wind um uns irgendwie nach Südwesten zu bringen. Denn genau von dort kommt der Wind. Die Welle drückt den Bug so sehr zur Seite, dass wir bei dem wenigen Wind, nicht mal durch die Wende kommen. Wir halsen also zukünftig und fahren lustige Schleifen.
Der Fortschritt in der ersten Woche ist die reinste Qual. Das Leben am Bord auch: Wie in einer Waschmaschine bei Schleudergang.
Die Wellen krachen markerschütternd gegen den Rumpf. Die Kräfte der Massenträgheit lassen einen dabei sekundenlang schwerelos schweben, bevor der dumpfe Aufprall in der nächsten Welle kommt. Im Bett hebt man dabei immer wieder von der Matratze ab, keine Chance erholsamen Schlaf zu finden.

Ständige Müdigkeit und Hunger dominieren den Tag. Alle Beschäftigung dreht sich nur darum eines dieser beiden Bedürfnisse zu erfüllen. Versuchen zu schlafen, obwohl die Achterbahn-Umgebung es nicht zulässt, oder versuchen wach zu bleiben, obwohl es einem die Augenlider zuzieht. Und versuchen Nahrung mit einer Hand zuzubereiten um den andauernden Hunger zu stillen. Durch die ständige Bewegung verbraucht der Körper wohl sehr viel Energie, die es mit Essen zu füllen gilt. Alles nicht so einfach.
Immerhin sind wir mit Fischfängen von Anfang an gesegnet. Schon am Abend des Aufbruchs in Panama geht eine Königsmarkrele an den Haken und beschert uns eine leckere Ceviche. Ein paar Tage später gibt es Thunfisch-Sushi und in der zweiten Woche sind wir gleich mehrere Tage versorgt: Heiko wuchtet einen sechseinhalb Kilo schweren Mahi Mahi an Bord.

Zwischen Frust, Müdigkeit und Hunger liegen aber kurze Momente der Glückseligkeit und ich spüre auch wieder den Zauber des Segelns, als sich die Gewitterwolken zurückziehen.
Celerity stampft sich unablässig einen Weg durch die rauschenden Wellen des endlosen Blaus. Eine leichte Brise füllt die Segel mit Wind und trägt uns vorwärts, während der blaue Himmel bis zum Horizont voller kleiner, hübscher Cumuluswolken hängt. Ich bin im Einklang mit den Wellen. Verweile bei einem Rundgang auf Deck eine Weile vorn auf dem Bug, verfolge das Schauspiel, wie der Bug in die Fluten eintaucht und die Gischt übers Deck spritzt. Alles ist salzig. Die Sonne brennt und ich habe ein glückseliges Grinsen auf dem Gesicht. Hart erkämpfte Freiheit. Hart erkämpftes Glück. Und sehr wahrscheinlich könnte ich nicht so empfinden, ohne die zuvor durchlebten Niederlagen und Frustrationen. Und ich weiß, sie werden wieder kommen. Aber dann kann ich sie vielleicht besser ertragen.

Auch unsere ständige Begleiter sorgen für Heiterkeit: Mal übernachtet ein kleiner gelber Tweety in unserer Küche, dann sind es winzige, flauschige Schwalben, die unsere Aufmerksamkeit fordern. Denn es werden immer mehr. Sie sind so zutraulich, dass sie auf die Schulter hüpfen und sich auf der Hand sitzend streicheln lassen. Als dann ein ganzer Schwarm unser Wohnzimmer als Schlafplatz einnehmen will, wird’s uns zuviel. Die kacken doch alles voll! Wir sind erstmal eine Weile damit beschäftigt alle Vögel im Salon zu finden und nach draussen zu jagen.

Nachts begleiten uns mal klackernde Laute machende Möwen und immer wieder nutzen Tölpel unseren Bugkorb als Übernacht-Mitfahrgelegenheit. Die tollpatschigen Landeversuche auf der schaukelnden Reling sind immer wieder ein lustiges Schauspiel.
Mehrere Wochen, auch lange nach den Galapagosinseln sind wir mit den Tölpeln beschäftigt. Wer hätte gedacht, dass die soweit mit uns reisen. Zwischenzeitlich werden es sogar immer mehr. Nachdem wir mehrere Tage 15 Übernachtungsgäste auf den Bugkorb und der Reling haben, reicht es uns aber. Denn dass Boot riecht wie in einem Tropenhaus, alles ist zugeschissen.

Und langsam sorgen wir uns um Beschädigungen durch die aggressive Kacke an Leinen und Rollanlage der Genua. Also putzen wir. Da es mit eimerweise Wasser übers Deck kippen nicht getan ist, nutzen wir beim nächsten mal Pumpe und Schlauch um das Boot abzuspritzen, aber das Zeug ist echt hartnäckig. Wir entscheiden uns also für eine neue Strategie: Verscheuchen. Aber auch das ist leichter gesagt als getan. Denn die Viehcher sind nicht scheu. Und sehr robust. Und hartnäckig. Es braucht schon den rabiaten Einsatz des Bootshakens, damit sie sich verkrümeln. Um kurz darauf einfach den nächsten Landeanflug zu starten.

So hocken auch nach dem verscheuchen noch zwei wackelnd auf dem Boot rum und lassen sich die Gischt ins Gefieder wehen. Aber sie sind ja wasserdicht.
Unser Bett ist es nicht. Regelmäßig ergießen sich Wellen über Deck. Deswegen sind inzwischen alle Luken geschlossen… und die Luft in unserer Schlafkajüte, die ja ständig abwechselnd besetzt ist, gleicht einem Pumakäfig.
Während wir uns mit diesen Zeitgenossen vergnügen oder versuchen das Bett zu lüften, schippern wir immer weiter hinaus aufs Meer. Immernoch Wind von vorn, immernoch zu wenig. Statt richtig zu segeln, bewegen wir uns nun aber wie auf einem Rollband. Wir haben die Nordäquatorialströmung erreicht und fahren auch ohne Wind eine ordentliche Geschwindigkeit. Das macht Spaß, allerdings müssen wir nicht nur sehr weit nach Westen, sondern auch ein ganzes Stück nach Süden.

Denn die Hoffung besteht weiter, dass wir irgendwann südlich genug sind um einen achterlichen Passatwind zu finden und die Wellen uns von hinten schieben statt uns vorn vorn zu stoppen. Das wird bestimmt traumhaft… auch hier soll die Realität meine Traumblase zum zerplatzen bringen.
Deswegen verlassen wir irgendwann das Rollband und nähern uns dem nächsten Meilenstein: der Äquatorüberquerung.

Wie es uns auf der anderen Seite der Erde ergegangen ist, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.
Spoiler: gemütlich, aber nicht weniger spannend. Und: wir sind angekommen!
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