360° Meer

Die Genua zieht uns im Schneckentempo übers Ionische Meer. Das Boot schaukelt sanft im Mondschein. Gleich geht der Mond unter und ich kann im Cockpit liegend den Sternenhimmel beobachten während um mich herum die Wellen rauschen. Da hab ich sie endlich: 360 Grad Meer. Und bin rundum zufrieden.

Dass ich wahrscheinlich nebenher schwimmen könnte ist egal. Celerity segelt seit 2 Tagen durchweg. Ja. ZWEI, die ersten drei Tage unserer Überfahrt haben wir nämlich den Motor mal ordentlich auf den Prüfstand gestellt. Beim Fokus dem Starkwind zu entgehen haben wir uns nämlich mitten in ein windfreies Feld hineinmanövriert. Die Wellen, von dort, wo ordentlich Wind ist, kommen hier natürlich trotzdem an. Und so hängen wir zwischen den 3 Meter Wellen die dafür sorgen, dass die Segel mit so wenig Wind nur hin und her schlagen. Einfach treiben lassen ist aber auch keine Option, da die Wellen von der Seite kommen, wippt das Boot nur hin und her und wir können nicht manövrieren, was bei dem Tankerverkehr hier nicht so spaßig ist.  Also läuft die Maschine. Und läuft und läuft. Tag und Nacht. Ein bisschen frustrierend, wo man sich doch ein Boot zugelegt hat mit dem man die Kraft der Natur nutzen kann um vorwärts zu kommen. Naja.

blau ist die Farbe für Winstärke 1-2 = NIX

Nach 3 Tagen unter Motor mit ab und zu versuchen Segel zu nutzen (für etwa eine Stunde), nervt es einfach nur. Und die Ressource ist begrenzt. Um so mehr schätze ich jetzt den Anblick von Wind im Segel und das Vorankommen in die richtige Richtung: Westen. Ob nun nördlich oder südlich Sizilien oder Kurs Malta ist inzwischen egal. Wir nehmen was uns der Wind gibt. Das ist es doch was Segeln ausmacht. Trotzdem gut zu Wissen, dass der Motor auch unter mehrtägiger Dauerlast funktioniert. Und eine Lehre für bessere Windstreckenplanung haben wir auch daraus gezogen.
Danach wirds nur noch schön. Die Zeit verfliegt, die Sonne scheint, der Himmel leuchtet, der Wind weht ein laues Lüftchen, was dennoch reicht um zu segeln. Ringsherum nur blaues Wasser. Kein Land, selten mal ein Boot. Perfekt.

Und dann mitten in dieser Idylle: ein Thunfischfang! Echt. Hinterm Boot ziehen wir eine Schleppleine her, mit so nem witzigen zappelnden Fischköder. Auf der Leine ist ganz schön viel Zug, für so wenig Fahrt. Also 40 Meter Leine reinholen: und tatsächlich. Da hängt ein Fisch dran. Ein Thunfisch. Kleiner Thunfisch, aber zu schwer für den Kescher. Der verbiegt sich beim rausheben. Irgendwann liegt doch tatsächlich dieser Fisch in unserem Boot. Ich bin völlig überfordert. Aber das Tier ist schnell zerlegt und eine Stunde später gibts das frischeste Thunfisch-Sashimi was ich je gegessen hab. Wahnsinn. Der Kühlschrank ist voll. Der Speiseplan für die nächsten beiden Tage steht. Als wir das letzte Thunfischsteak essen verbiete ich Heiko die Angel direkt wieder reinzuwerfen, ein bisschen Abwechslung auf dem Teller muss ja auch sein.

Was isst man denn sonst so an Bord? Nun, die Schränke sind voll für 2 Monate überleben. Zuerst wird natürlich das frische Zeug verarbeitet und davon gibts noch ne ganze Menge. Auberginen, Zucchinis, Tomaten und Gurken sind also erstmal Grundlage für das was gekocht wird. Sehr ausschlaggebend ist außerdem  der Seegang und der Kurs zum Wind.
Im Boot schaukelt es immer und jeder Gang und Handgriff ist mühsamer und gut überlegt. Inzwischen liegt fast nichts mehr rum was durch die Gegend fliegen kann. Jedes ablegen von Dingen ist wohl überlegt. Jedes laufen erfordert eine Hand zum festhalten. So ist die Zubereitung von komplexen Gerichten bei unberechenbarem Geschaukel also wie besoffen Sushi rollen, aufm Einrad, oder so. Ich koche und schnippel aber gern und auf eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung an Bord lege ich auch viel wert, also pass ich mich den Verhältnissen an. Der Salontisch ist zu weit von den Utensilien und wird auch regelmäßig leergefegt. Deswegen ist mein Lieblingsarbeitsort der Küchenboden geworden. Da pass ich perfekt rein. Rücken an die Wand gelehnt, Füße an den Küchenschränken abgestützt, wo dann das nötige Werkzeug auch in Reichweite ist. Unter mir ist die Klappe zur Bilge, wo viele Vorräte drin sind. Und zwischen den Ausgestreckten Beinen kann man gefahrlos das essen zubereiten und Schüsseln und Messer festklemmen. Und es kann nix runterfallen!

Natürlich macht man bei diesem Aufwand dann auch gleich Zutaten für den nächsten Tag fertig. Im Dauereinsatz ist mein neues Lieblingsspielzeug: der Omnia Campingbackofen. Hält perfekt auf dem 2 Flammen – Gasherd zwischen den Klemmen (damit nichts verrutscht) und man kippt einfach alles in die Silikonbackform und wartet. Ob Tortilla española, Gemüsegratin, Süßkartoffelauflauf oder Bananenbrot – gelingt alles. Alle paar Tage wird dort auch das Brot gebacken. Damit ist man tagsüber ganz gut beschäftigt und kann auch die Nachtschichten nutzen: in der ersten werden die Zutaten zusammengekippt. In den nächsten 3 Stunden geht der Teig und während meiner zweiten Nachtschicht steht er aufm Herd. Heiko wird zum Sonnenaufgabg mit Brotgeruch geweckt und dann gibts frisches, warmes Körnerbrot zum Frühstück. Herrlich.

Ich verbringe also tatsächlich ziemlich viel Zeit mit kochen und backen, weil auch alles länger dauert. Aber ich mag kochen und die Zeit ist ja da. Und man kann nichts anderes nebenbei machen, wie ich das Zuhause ja gern mal getan hab, so zehn Sachen gleichzeitig. Das Leben an Bord zwingt einen bei den meisten Sachen zu Achtsamkeit. Ist das nicht schon eine tolle Erkenntnis nach nicht mal 2 Wochen.

die täglich kitschigen Sonnenuntergänge hab ich noch gar nicht erwähnt.

Während dessen läuft Heiko meist mit irgendeiner Bedienungsanleitung durch die Gegend und versucht unsere Geräte an Bord zu verstehen. Ansonsten verbringt man den Tag mit Steuern, Navigieren, irgendwelchen Segelmanövern, deren Abläufe sich alle noch einspielen müssen. Und dem nachgehen und beheben von Geräuschen… immer klackert, quietscht oder schlägt irgendwas. Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Sowohl in der Herkunft der Geräusche, als auch deren Behebung. Und die Vorbeikommenden Boote stalken. Gestern Nacht war ein 400! Meter langes Boot mit 3 kleinen Lämpchen (die vorgeschriebenen) neben uns. Und gerade werden wir von einem, wie ein Weihnachtsbaum beleuchteten Kreuzfahrtschiff überholt. Wahnsinnig spannend alles.

Navigation mit Seekarten & das Logbuch

Und ab und zu bleibt dann auch mal noch Zeit für aufs Meer starren und dümmlich grinsen. Realisiert habe ich immernoch nicht, was wir hier eigentlich tun. Aber es ist aufregend und schön. Reicht für 11 Tage Seefahrt als Erkenntnis, oder?

Wo wir lang gefahren sind und uns gerade befinden könnt ihr HIER (link zur Seite Position) sehen! Und hier wird auch schon gespoilert wie die Route weiter geht: nördlich von Sizilien nach Sardinien!

Die Genua – unser Lieblingsmotor

6 Kommentare bei „360° Meer“

  1. Hallo ihr Beiden!
    Schön das es euch so gut geht! Macht weiter so! Hört sich alles sehr spannend an 🙂
    Besitos y abrazos von Jessika und Uwe

  2. Wow, so interessant und spannend von euren ersten Tagen zu lesen und die Bilder dazu zu sehen. Ich bin ganz gespannt was ihr noch so alles erlebt in den kommenden Monaten. 🙂

  3. Du bist ja gar nicht barfuß

  4. Immer wieder schön, von eurem Abenteuer zu lesen! Weiter Gute Fahrt!

  5. Liebe Nicole, durch Zufall habe ich von Deinem / Eurem WeltumSegelungsAbenteuer erfahren. Echt toll, was Du alles so machst. Beim Anschauen Deines Blogs bekomme ich richtig Fernweh. Wünsche Dir/Euch eine wunderschöne Reise um die Welt! und pass/t gut auf Dich/Euch auf ! 🙂 liebe Grüße, Ilka PS musste letztens beim Radeln durch die Eilenriede Richtung KWA an Dich und Dein blaues Fahrrad denken 😉

    1. Hey Ilka. Ach ja… Das tolle blaue Fahrrad. Jetzt hab ich ein blaues Gefährt was genauso schnell ist. Nur auf dem Wasser. Liebe Grüße

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