Eine Armada an Ausflugsbooten scheppert 2 Meter neben unserem Ankerplatz vorbei. Von Danza Kuduro, Elektrobeats über Salsa bis hin zu wehleidigen Gesängen kolumbianischer Volksmusik, dröhnt alles es aus den Lautsprechern der Boote. Und natürlich ist die Volksheldin Shakira überall zu hören. Große Piratenschiffe, Fähren, Katamarane und dazwischen viele kleine Motorboote mit großen Motoren und noch größeren Boxen. Alle sind voll mit Menschen. Die Menschen sind auch voll. Je später desto grölender. Die ersten Tage bestaune ich fasziniert dieses Treiben. Ab dem dritten Tag ist es leider nur noch nervig, dass man selbst im Boot sein eigenes Wort nicht versteht und nur mit sehr tief sitzenden Ohropax in den Schlaf findet. Denn die letzten Boote kehren spät zurück in den Hafen. Dafür fahren morgens die ersten Ausflugsboote recht zeitig zu einer der vorliegenden Inseln. Und wir ankern nur ein paar hundert Meter vor der Altstadt von Cartagena und somit auf direkter Einflugschneise in den Hafen, wo die Touristen ein- und ausgeladen werden. Hauptsächlich sind es Kolumbianer, die hier an der Karibikküste ihren Strandurlaub, kombiniert mit Cartagena-Stadt-Besichtigung verbringen. Viele leben im Inland, die Hauptstadt Bogota liegt in den kühlen Bergen. Da gehört so ein Bootsausflug mit Partymusik natürlich zum Urlaub dazu. Nur eine Handvoll Ankern hier, die auch auf ihren Booten leben.
Abgerundet wird der Lärm noch von dem Hubschrauber-Übungsplatz der Marine direkt hinter uns. So können wir nicht nur sehr nah erleben wie sich nacheinander Menschen aus dem Hubschrauber abseilen, sondern auch noch ständige Start- und Ladungsübungen mit anhören. Es ist laut.

Eine wirkliche Alternative zum ankern gibt es allerdings nicht. Der Ankerversuch im ersten Ankerfeld hat nicht funktioniert. Wir haben den Anker einfach über den Schlamm gezogen und die Platzwahl ist beschränkt. Auch hier wurden wir von der Küstenwache schon gebeten ein Stück nach vorn zu fahren. Wir haben eh nur vor so lange an diesem Platz zu bleiben, bis unsere Einreisepapiere es uns erlauben in die Marina an Land zu gehen. Aber Südamerikanische Bürokratie ist ebenfalls bestaunenswert. Im Gegensatz zu allen anderen Ländern in denen wir bisher waren, wo man einfach mit seinem Pass und Bootspapieren zu einem Gebäude geht und Einreise- und Zollformalitäten nach Ankunft erledigt, braucht man in Kolumbien einen Agenten. Hier ist es geschickt, mehrere vorab zu kontaktieren um die Bedingungen zu verhandeln. Wir finden einen für „nur“ 250€ für Ein- und Ausreise. Schon vor Abfahrt in Curaçao bekommt sie alle Unterlagen, Passkopien und Infos per WhatsApp zugeschickt. Am frühen Morgen unserer Ankunft kontaktieren wir unsere Agentin. Sie vereinbart ein Treffen mit uns und dem Hafenmeister am Nachmittag. Um 15Uhr Frage ich nach. Sie sagt, am nächsten Morgen. Am nächsten Morgen, eine Stunde vor dem Treffen, sagt sie, dass sie eine Kollegin schickt. Die Agentin-Kollegin ist pünktlich, der Hafenmeister ist nur 30 Minuten zu spät. Dann beginnt die reinste Slapstick. Zur Immigration kann sie erst nach dem Treffen mit dem Hafenmeister. Der will ein Blick aufs Boot werfen. Wir fahren mit dem uniformierten Herren im Dingi zum Boot. Er macht vom Boot nur ein paar Fotos von außen und wir fahren wieder zurück zur Marina. Dort angekommen sagt unsere Agentin, dass sie jetzt ein Foto vom Boot braucht. Ähhh… Ich halte es erst für einen Scherz, aber nein, sie müsse jetzt ein Bild machen gehen. Die Bilder vom Hafenmeister kann sie nicht benutzen. Das ist wahrscheinlich der Momemt in dem ich lernen sollte, dass man in einem Drittweltland keinen Beamten nach dem „Warum“ fragt. Wir einigen uns darauf, dass sie ein vorhandenes Foto von mir geschickt bekommt. Dann brauch sie ein Bild vom Motor. Und von der Seriennummer des Motors. Okay. Auch dass hätten wir längst machen können während wir auf dem Boot waren. Wo die Seriennummer ist: Keine Ahnung. Heiko fährt also zurück zum Boot und sucht die Seriennummer…ganz hinten, ganz unten natürlich. Ich warte mit der Agentin in der Marina. Als Heiko gerade weg ist, fragt sie nach einer Rumpfnummer. Echt jetzt? Selbst wenn sie ein Foto davon bräuchte, müssten wir jetzt auf die Rückkehr von Heiko warten, damit wir dann nochmal hin fahren können. Ich behaupte, wir haben sowas nicht. Sie steht auch nicht in unseren Unterlagen. In Wahrheit haben wir keine Ahnung wo die sein soll. Eigentlich müsste das Boot eine haben, aber sowas fragt auch sonst keiner. Sie gibt sich erstmal zufrieden. Und während Heiko also gerade zur Mittagshitze in den Motorraum abtaucht, warte ich mit der Agentin auf die Beamten der Einwanderungsbehörde. Die sollen nun nämlich direkt zum Hafen kommen und uns hier den Pass stempeln. Sie kommen. Zu dritt. Sie stehen rum. Quatschen. Die Agentin hat unsere Pässe geöffnet in der Hand. Sie quatschen. Weitere Leute kommen, die lustige Runde wird größer. Der Hafenmeister kommt nochmal vorbei und es wird weiter fröhlich gequatscht. Dann löst sich die Runde auf. Ich stehe die ganze Zeit nur unbeteiligt daneben. Dann wendet sich die Agentin an mich und sagt, sie muss für die Stempel doch ins Büro gehen.

Dann quatscht sie weiter mit anderen Bekannten in der Marina. Nach einer gefühlten halben Stunde geht sie dann los mit unseren Pässen. In der Zwischenzeit kommt Heiko verschwitzt zurück. Mit Bildern. Die verrostete und kaum leserliche Seriennummer gefällt ihr natürlich nicht, aber was besseres kriegt sie nicht. Immerhin ist sie nach nicht mal einer halben Stunde zurück und wir haben einen Stempel und eine Aufenthaltsgenehmigung für 90 Tage im Reisepass. Nicht mehr illegal im Land, yeah. Um das Boot einzureisen, sind allerdings zwei weitere Behörden und der Zoll nötig. Sie sagt, sie meldet sich am Nachmittag. Es ist Freitag. Als ich nachmittags nachfrage, sagt sie, es gibt ein Problem, die Unterlagen kommen erst nächste Woche. Montag verstreicht, Dienstag verstreicht, am Mittwoch Morgen frage ich nach. Sie sagt, der Zoll kommt morgen Früh. Am nächsten Tag frage ich nach: Mañana. Morgen. Am nächsten Morgen ist Freitag. Wir sind seit 8 Tagen hier. Der Zoll ist eine junge Büroangestellte, die auf dem Weg zum Boot Selfies macht und ihren Mann anruft. Auf dem Dingie. Ich sehe es Heikos schelmischen Blick an, dass er darauf wartet, dass eine schöne Bugwelle von einem vorbeirasenden Boot kommt, oder der Wind auffrischt. Aber sie und ihr Handy bleiben überraschenderweise trocken.
Sie scheint noch nicht oft auf Booten gewesen zu sein. Sie macht ein Foto und will den Motor sehen und die Seriennummer. Haha. Heiko zeigt ihr, wo sie zu finden ist. Da ist sie dann aber nicht mehr so bemüht und gibt sich mit dem Foto zufrieden, was wir bereits gemacht haben. Wir bringen sie zurück. Unsere Agentin sagt, sie meldet sich am Nachmittag wieder, um dann ein paar Minuten später zu schreiben, dass sie in einer Stunde noch eine Unterschrift braucht. Und dann kommt sie tatsächlich mit einem Zettel. Den wir behalten können. Unser Boot ist jetzt auch eingereist. Irgendwelche weiteren Prozesse finden auch noch statt, aber die sind erstmal nicht für uns, sondern nur für die kolumbianischen Behörden wichtig.
Mit dem Zettel dürfen wir jetzt auch unser Boot an Land stellen. Am Montag (10. März) haben wir dafür einen Termin.
Vielleicht muss ich noch erwähnen, dass die Englisch sprechenden Agenten natürlich keineswegs Englisch sprechen. Auch die Beamten nicht. Kein Wort. Sie können nur den Google Übersetzer benutzen. Als ich das checke, sage ich ihr, dass sie auch auf Spanisch schreiben kann, statt dass sie es erst in Englisch übersetzt, damit ich dann einzelne Wörter in Deutsch übersetzen muss. Unsere Unterhaltungen finden also in meinem gebrochenen Anfänger-spanisch und in Übersetzer getippte Sätze statt. Sehr spannend alles.
Aber zwischen den Terminen haben wir Zeit uns von der Überfahrt zu erholen und Cartagena zu besichtigen. Sogar einen spontanen Ausflug zum Karneval in Barranquilla, der zweitgrößte nach Rio, machen wir. Aber wir sind überfordert. Zu viele Menschen. Fünf Millionen sollen jedes Jahr in Shakiras Heimatstadt kommen um zu feiern.

Vielleicht sind wir aber auch noch ein bisschen geschlaucht von der Überfahrt. Auch wenn diese genauso entspannt war wie erhofft. So lange zu warten hat sich gelohnt. Wir hatten keine hohen Wellen an den kritischen Stellen und ab dem dritten Tag, auf dem Stück, wo normalerweise stürmischer Wind ist, fahren wir 27h unter Motor, weil es windstill ist. Pünktlich zum Sonnenaufgang kommen wir am Fluss vorbei und warten vergeblich auf Unrat, der auf der Oberfläche schwimmt. „Ich will Kühe!“ rufe ich schmollend über das trübe, milchige Wasser des Flusses. Aber keine Kuh, keine Kühlschranke oder sonst irgendwelcher Unrat, der uns versprochen wurde, kommt aus den Fluss geschwemmt.
Zwischendurch haben wir auch noch das erste mal auf dieser Seite des Atlantiks einen Thunfisch an der Schleppleine. Die Versorgung für die nächsten beiden Tage ist gesichert.

Und so können wir, gut genährt, mit wenig Wind unter Segeln beruhigt die nächste Nacht auf Cartagena zu halten. Ich freue mich noch über eine Begegnung mit der „Mein Schiff“und dann werden auch schon die ersten Wolkenkratzer sichtbar.

Der erste Blick auf Cartagena wirkt eher wie Hannover-Mühlenberg. Hässliche Platten-Hochhäuser.

Aber die Stadt hat wirklich was zu bieten. Kolonialstil-Häuser in der ummauerten Altstadt, ein Künstlerviertel mit Gemälden an den Mauern und kleinen, süßen engen Gassen voller Leben. Musik und Straßenstände überall.

In Cartagena kann man sich von morgens bis abends auf der Straße ernähren. Fertig Portionierte Früchte, Empanadas und andere frittierte, gefüllte Mais-Teigwaren, Grillspieße, Limonaden und Kaffee. Es gibt alles. Und das auch noch zu erschwinglichen Preisen. Selbst ein Mittagessen in einem lokalen Restaurant ist so günstig, dass sich das Kochen nicht mehr lohnt. Einmal Vorsuppe, Hauptgang mit Fleisch, Reis, Bohnen und Salat und ein Getränk – 4€ bitte. Ein starker kolumbianischer Kaffee an der Straße aus der Thermoskanne: 30Cent. 2 Mojito am Strassenstand im Touri-viertel 5€.

Da fühlen wir uns wohl. In Cartagena also tatsächlich an Land wohler als auf dem Boot. Nach 10 Tagen ziehen wir dann richtig an Land um. Mit Boot.
So ein Rauskranen ist immer voll nervenzerreissend. Und diesmal ist selbst die Fahrt zum Shipyard schon spannend. Denn es ist sehr flach. Es gibt viele Bojen. Wir sind super aufgeregt auf der Durchfahrt zur Marina, mehrmals weniger als 1 Meter Wasser unterm Kiel. Und dann rückwärts in eine winzige Bucht manövrieren, vor der auch noch ein Motorboot parkt. Und dann ist da ein winziger Kran. Viel kleiner als das, was wir aus Griechenland kennen.

Und es ist auch verdammt eng. Wir haben 2 Masten. Beide müssen zwischen die beiden Enden des Krans passen, sonst kippt das Boot um beim Rausheben. Dafür müssen schon gleich alle Strippen, die den hinteren Baum mit dem Besansegel halten, weggebunden werden. Und als das Boot schon in den Gurten hängt, kommt der Kran nicht hoch genug, weil 2 Wanten im Weg sind. Also klettert Heiko über eine Leiter, auf das im Gurt über dem Wasser hängende Boot und schraubt noch die zwei hinteren Stahlseile ab, die den Mast nach hinten halten. Er kippt nicht um. Das ist gut. Das ist aber auch genug Aufregung für einen Tag. Wir sind an Land. Als uns später auf der Straße noch die Polizei durchsucht, drehen wir um, bestellen uns eine Pizza und gehen ins Bett. Genug Nervenkitzel für einen Tag.

Ob es sich hier besser schlafen lässt, wird sich zeigen. Erstmal ist ein bisschen Arbeit angesagt. Wir wollen 2 Seeventile erneuern lassen, unsere Elektronik überprüfen, ein Problem mit dem Ruder lösen und viele kleine Sachen, die sich ohne Wasser unterm Hintern besser machen lassen.

Nach 894 Tagen im Wasser und über 7086 Seemeilen im Kiel, darf Celerity jetzt mal ein paar Tage trocknen. Und wir dafür schwitzen.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht mit den Arbeiten und was wir in Kolumbien noch so alles erleben. Ihr auch?
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