Rhythmen und Alltag der Marquesas

Eine einzelne klare, starke Stimme erhebt sich durch die Abendluft. Ein einzelnes gesungenes Wort. Weitere Frauen stimmen ein, die Kraft der Stimmen nimmt stetig zu, die Melodie wird stärker, der Rhythmus schneller. Dann abrupt wieder nur eine einzelne klare Frauenstimme, bevor die Menge den Text wiederholt. Trommeln geben den Rhythmus vor, nicht im Hintergrund, sondern, fordernd, provokativ. Laut. 

Die Melodien schwellen an und wieder ab – mal stark, mal zart, mal strotzend vor Kraft, mal klar und verletzlich wie eine einzelne Frauenstimme.

Die Performance der Männer ist ein so starker Kontrast, dass die Spannung in der Luft greifbar ist. Die Ausrufe klingen kriegerisch, stampfende Schritte werden von kehlig klingenden Lauten begleitet. Die gesamte Choreografie ist derb, rabiat, rau.

Und dann vereint sich diese unbändige Energie in einer offensiven Einheit.

Die Menge bewegt sich langsam voran, jeder Schritt vorwärts wird durch das Stampfen von klappernden Bambusstäben untermalt, bis sich die Meute teilt.

Ein Teil sitzt am Boden, ein Teil tanzt – doch alle schlagen denselben Puls. Der Takt wird hemmungslos, tobend, wild – bis er wieder abrupt von der zarten Klarheit einer einzelnen Stimme eingefangen wird.

Die Arme der Frauen erzählen Geschichten der Vergangenheit, die stapfenden Männerfüsse von Kriegen, Göttern und Opfergaben.

Die gesamte Choreografie ist explosiv. Es ist mehr als Tanz und Gesang. Es ist Kultur pur, nah an der Erde, fast verwachsen mit dem Boden unter ihnen.

Diese Klänge machen mir bewusst, was „unter die Haut gehen“ bedeutet. Als ich diese Rhythmen das erste Mal fühle bin ich gefesselt, von dem was Melodien transportieren können. Die fremden Vokale der wohlklingenden marquesischen Sprache, die eingängigen Tonfolgen und die enthusiastischen Bewegungen sind mitreißend. 

Es ist ein Moment der Dankbarkeit, diese traditionelle Kunst auf diese Art erfahren zu dürfen. Ist es vielleicht das, was die Südsee ausmacht? Nicht die Palmen, Strände oder Berge, sondern das, was diese Menschen aus ein paar Buchstaben, ihren Stimmen und einfachsten Musikinstrumenten hervorzaubern können? 

Jedenfalls ist es die eindrücklichste kulturelle Darbietung, die ich je erlebt habe. 

Wer noch tiefer eintauchen möchte: In meiner YouTube-Playlist „Kulturelle Momente in der Südsee“ sammle ich Gesang, Tänze und diese ganz besonderen Augenblicke.

Und dabei erfahre ich diesen Moment noch nicht mal bei einer öffentlichen Veranstaltung, sondern bin nur heimlicher Zuschauer bei den Proben der örtlichen Tanzgruppe für das kommende Marquesas-Festival. In den ersten Wochen nach unserer Ankunft auf Nuku Hiva wird jeden Abend geübt. Trommelrhythmen schallen ständig durch die Luft, einige Lieder kann ich bereits mitsummen, einige Vokale und Laute zuordnen. 

Zur Einordnung, wo wir überhaupt sind:

  • Französisch-Polynesien: Mitten im Pazifik, zwischen Südamerika und Australien, erstrecken sich fünf Archipele:
  • die Gesellschaftsinseln (mit Tahiti, Bora Bora und so)
  • das Tuamotu-Archipel – eine Anhäufung von Atollen (Riff, Sand, Palmen, sonst nix)
  • die Austral-Inseln
  • die Gambiers
  • und die Marquesas-Inseln – das nördlichste, abgelegenste Archipel, 3,5 Flugstunden von Tahiti entfernt 
    • Nuku Hiva ist die Hauptinsel der Marquesas, mit der Hauptstadt Taiohae – mit immerhin 1600 Einwohnern, eine Metropole

Immer wieder zieht es uns zu den Proben. Auch wenn es immer dieselben Lieder sind. Wir sehen somit die Fortschritte der Delegation aus Taiohae, die diese Performance, wie von allen anderen sechs Marquesas-Inseln auf Ua Huka, der Nachbarinsel aufführen werden. Auch wenn wir nicht zum Festival gefahren sind, erleben wir die Darbietung nochmal komplett, mit Verkleidung aus Palmenblättern und so, bei der städtischen Weihnachtsfeier. Und bei der Silvester-Veranstaltung führt ein anderes Dorf ihre Darbietungen auf. 

Tänze sind hier also kein Programmpunkt für Besucher, man sieht sie bei jeglichen Festen und offiziellen Anlässen, eine Kultur, die benutzt wird, nicht im Museum steht.

Vorführung am Silvesterabend in der Stadthalle

Je häufiger ich die Aufführungen sehe, desto gewohnter die Klänge und desto mehr Details offenbaren sich, den Zauber nehmen sie aber nicht. Immer gehen mir die lebendigen Erzählungen unter die Haut. Nehmen mich mit in eine fremde Welt. Dabei fühlt sich das Leben auf Nuku Hiva gar nicht so fremd an. Denn nirgends auf unserer Reise sind wir so schnell in die einheimische Gemeinschaft hineingewachsen wie hier. Und das, weil die Marquesaner, neben Gesang und Tanz, eine noch größere Leidenschaft haben: Petanque. 

Der Volkssport Boule oder Petanque wurde von den Franzosen auf die Inseln gebracht, und von den Marquesanern in den Alltag integriert. Überall, wo eine kleine freie Fläche ist, wird gespielt. Selbst die Mitarbeiter am Flughafen schieben zwischendurch neben dem Rollfeld ein paar Kugeln. Jedes Dorf hat einen Boule-Platz. 

Eines Tages landen wir auf dem Boulodrom in Taiohae, schauen einem Turnier zu und kommen mit dem Englisch sprechenden Präsidenten des örtlichen Petanque-Vereins ins Gespräch. Wir werden eingeladen, am nächsten Tag zum Spielen vorbeizukommen. Aus Martinique, der letzten französischen Insel auf unserer Reise, haben wir noch Boule-Kugeln an Bord und seitdem nie wieder gespielt. 

Am nächsten Nachmittag sind wir überrascht, wie viele Leute hier jeden Tag auf den Bouleplatz neben dem Fußballfeld rumhängen. Die meisten spielen, aber auch Zuschauer und deren Kommentare gehören dazu. Das Boule spielen ist mehr ein soziales Ereignis, als Sport. Der Bouleplatz Treffpunkt für Jung und Alt. Kinder rennen über den Platz oder sitzen im Kinderwagen, wenn sie noch nicht laufen können und manche kommen auch nur nach Feierabend zum Quatschen vorbei. In Eimern werden alte Kugeln angeschleppt, für alle, die sich keine eigenen leisten können. Die richtigen Kugeln kommen aus Frankreich und sind teuer. Die meisten haben richtig gute Boules, unsere von Decathlon werden meist belächelt, tun es aber. 

Wer mit und gegen wen spielt, wird ausgelost. Nur Heiko und ich werden getrennt – damit es fair bleibt. Meist spielt man Duplet oder Triplet, jeder mit drei Kugeln. Chaos inklusive, wenn 18 Kugeln um das Schweinchen verteilt sind. Schnell lernen wir, dass wir nicht mit den erfahrenen Schießern mithalten können. Das ist aber nicht schlimm. Es wird viel gelacht und ehe wir uns versehen, sind wir trotz Sprachbarriere voll integriert. 

Heiko beim Spielen im Boulodrom, Gilbert guckt gespannt zu

So kommt es, dass wir jeden Nachmittag auf dem Bouleplatz stehen und schon erwartet werden. Außer sonntags. Den verbringt man mit der Familie am Strand:

Plastikstühle und Klapptische werden genauso selbstverständlich vom Pick-up geladen, wie die Kinder und die Boule Kugeln. Die Pferde sind an die Bäume gebunden, die wilden Hühner rennen übern Platz, die Musik wird aufgedreht und dann rollen die Kugeln. 

Das ist auf dem unebenen Gelände des Parkplatzes durchaus eine Herausforderung. Aber auch eine Menge Spaß. Denn auf dem welligen, steinigen Waldboden kullern die Kugeln oft völlig unkontrolliert sonst wohin und landen vielleicht dort wo sie einen Punkt bringen, dann wird sich gefreut. Ich habe selten so viel gelacht wie sonntags beim Boule unterm Tamarindenbaum.

Pferd, Baum, Spielfeld – ein Sonntag in Taiohae

Nach ein paar Wochen sind wir nicht nur wesentlich besser im Spielen geworden, sondern können uns auch nicht mehr in der Stadt bewegen, ohne bekannte Gesichter zu treffen. In diesen Momenten spüren wir, wie sehr wir angekommen sind. Und das, obwohl wir wissen, dass wir irgendwann wieder weiterziehen werden.

Und das ist wunderbar. Wir fühlen uns willkommen.

Wir verbringen auch außerhalb des Spielfelds Zeit mit Bekanntschaften, gehen gemeinsam essen oder werden zu Veranstaltungen im Nachbartal mitgenommen. Gefühlt kennen wir das halbe Dorf beim Namen und das macht so einen Aufenthalt in der Fremde doch ganz besonders. 

Nebenbei werden wir großzügig versorgt. Der Vorrat an Mangos, Pampelmusen und was die Bäume sonst noch hergeben, nimmt nicht ab. Ständig bringt uns jemand Früchte aus dem Garten mit, oder verabredet sich direkt mit uns zur Abholung im Garten – damit man auch große Taschen dabei hat. An einem Sonntag kehren wir vom Boule spielen sogar mit einem Schweineschenkel zurück aufs Boot. Ablehnen ist wohl unhöflich. Geben gehört zur Kultur und ist völlig selbstverständlich. 

Das Obstnetz im Cockpit ist immer gut gefüllt

Zur Kultur gehören außerdem Tattoos. Sie sind allgegenwärtig. Nur wenige haben keine sichtbaren Tattoos. Oft sind nicht nur Arme und Beine mit großflächigen, klaren Mustern versehen, sondern auch das Gesicht. Tattoos sind Tradition, kein Souvenir und ein bisschen sind sie wie die Melodien: derbe, harte Linien mit wenig Zwischenraum. 

Tatoos und Petanque – Kultur & Alltag

Auch die Tikifiguren stehen nicht in einem Museum, sondern sind überall präsent. Sie säumen die Straße, stehen in Gärten, oder zuhauf auf einem der Me‘ae – zeremoniellen Kultplätzen aus Stein. Diese großen steinernen Terrassen und Plattformen, die als Versammlungsorte dienen, findet man versteckt im Wald, manchmal verwildert, meist aber gut gepflegt, oder sogar neu restauriert. Auch die Proben und Feste finden auf diesen Plätzen statt. 

Tikis: massive Steinskulpturen mit gedrungenen Körpern, fratzenhaftem Gesicht und einer kraftvoller Präsenz 

Die Kultur und Traditionen fühlen sich dadurch nicht inszeniert an, sondern sind einfach Teil des Alltags. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. So wie der Rhythmus der Trommeln, der noch im Körper bleibt, lange nachdem der Tanz vorbei ist.

Die Menschen und deren Bräuche haben wir also schätzen gelernt. Allerdings war es auch noch nirgends so schade, nicht eine gemeinsame Sprache zu besitzen. Marquesisch ist eine wunderschöne polynesische Sprache, lohnt sich allerdings nicht zu lernen, weil auf Nuku Hiva Nord-Marquesisch, auf den Gesellschaftsinseln Tahitianisch und auf jeder anderen Insel irgendeine andere polynesische Sprache gesprochen wird. Dafür bleiben wir nirgends lang genug.


Nebenbei bemerkt
  • Das Wort „Tattoo“ stammt aus Polynesien!
  • Karl von den Steinen rettete im 19. Jahrhundert viele Muster und Mythen vor dem Vergessen. Noch heute werden die Aufzeichnungen des Deutschen als Vorlagen genutzt.

Die Motivation Französisch zu lernen ist dadurch sehr hoch, denn das wird in ganz Französisch-Polynesien gesprochen. Aber diese Sprache hat mir schon immer Probleme bereitet und nun von null anzufangen, reicht natürlich noch lange nicht für ein längeres Gespräch. Google Übersetzer taugt nix, denn nichts wird gesprochen wie geschrieben.

Die Englischkenntnisse der meisten beschränken sich auf einzelne Wörter. Die Zahlen und typische Ausdrücke beim Spielen auf Marquesisch und Französisch erlernen wir recht schnell. Unsere Verständigung auf dem Spielfeld funktioniert inzwischen problemlos. Aber auch deutsche Ausrufe, wie „uuups“ und das englische Wort für „schießen“ – „fire“ wird inzwischen von allen selbstverständlich ausgerufen und wird bestimmt auch als Andenken bleiben, wenn wir nicht mehr da sind. 

Und so funktioniert die Kommunikation trotzdem irgendwie. Einige ignorieren einfach, dass wir kein Wort verstehen und quatschen uns auf Französisch voll und mit etwas Glück versteht man ein paar Worte und dadurch vielleicht den Zusammenhang. Wir haben schon stundenlang Geschichten von Richard zugehört, die bestimmt alle interessant waren…. Und wir geduldige Zuhörer.

Mit Richard bei einem Bootsausflug

Beim Bingo – die dritte Leidenschaft der Insulaner – hilft uns Vehine (das ist ein marquesicher Name und bedeutet „Frau“) mit den Zahlen. Sie spricht auch kein Wort Englisch, versteht aber ein bisschen Spanisch und gehört zu den Menschen, mit denen man vieles durch Gestik und Intuition kommunizieren kann.

Wir sind sehr dankbar hier einen so herzlichen Empfang bekommen zu haben und ich weiß schon jetzt, dass es uns etwas schwer fallen wird uns von all den netten Menschen verabschieden zu müssen. 

Und vielleicht ist genau das das größte Geschenk des Unterwegsseins: nicht nur Orte zu sehen, sondern Teil von etwas zu werden – für eine Weile.

Neben Musik, Tanz und Spiel haben wir uns natürlich auch noch auf der Insel umgesehen. Mittendurch und einmal drumherum. Von Bergen, Schluchten und Alpenpanoramen erzähle ich euch das nächste mal – ihr werdet staunen, wie es in der Südsee aussieht.


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